ALINA MARIA SCHÜTTE


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BIOGRAPHIE
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Alina Maria Schütte 2014 in ihrem Berliner Atelier


Alina Maria Schütte wurde 1959 in Gdingen, in Polen, geboren und besuchte dort die Akademie für Plastische Künste (1974-1979).
Ab 1980 lebte die Künstlerin in Hannover, wo sie erst als Fotografin arbeitete und sich nach 1986 ausschließlich mit Malerei und Plastik befasste.
Ein Jahrzehnt lang beschäftigte sie sich mit der Malerei des Informel und nahm an verschiedenen Gruppen- und Einzelausstellungen in ganz Deutschland teil, bevor sie sich den Materialien Papier und Zellstoff in den verschiedensten Ausführungen und Bearbeitungsformen zuwandte.
Ihre Ausbildung als Plastikerin führte bis ca. 2002 zu einer dynamischen Herangehensweise an den Werkstoff Papier, welchen sie erst in Relief- oder Papierkollagen mit Druckmaterialien verbindet und verarbeitet. Später formt sie das Material zu dreidimensionalen Objektkollagen (“Modulierte Farbigkeit”, Galerie de Nesle, Paris, 1998 und UNESCO, Paris, 2000 sowie “Kommunikation” Sparda-Bank, Hannover, 2001). Durch die plastische Behandlung des Papiers wird es als Material explizit betont und akzentuiert seinerseits den gesamten Arbeitsprozess. Die Objektkollagen auf Leinwand kommen in leuchtenden Farben als Papierexplosionen aus dem Träger heraus und gehen in den Raum über („Grenzüberschreitungen“, Kunstverein Gehrden e.V., 2002).

In einer Weiterentwicklung der Beschäftigung mit dem Material an sich entwickelt Alina Maria Schütte eine selbst erarbeitete Technik:
Zellstoff -als Papier-Rohstoff- in Form farbiger Massen auf die Leinwand bzw. den Träger zu werfen. Diese starke körperliche Komponente macht diesen Schaffensprozess zur Aktionsmalerei, die in einer abstrakt-expressionistischen Weise das Bild von allen Seiten zu bearbeiten sucht. Anfangs als kompakte Farbklumpen aus sehr pastösen Massen als Mischung von Zellstoff, Acryl und Pigmenten auf großen Leinwänden (Städtische Galerie Lehrte, 2003), werden die Massen immer leichter und flüssiger und es entstehen durch die Farbbehandlung Sequenzen auf mehreren Platten. Dabei geht es um die Wirkung der Farbe, die durch die Dreidimensionalität der Zellstoffmassen verstärkt wird. Mit einem Auftragswerk für die Zellstoff Stendal GmbH stellte sie eine direkte Korrespondenz zwischen ihren Bildern -Farbfeldern auf Zellstoffplatten-, der Herstellung des Materials sowie dem Ausstellungsort in Arneburg her (“Farbfelder”, Projekt Stendal, 2007 und München, 2013/ Bonn, 2014). Ebenfalls in Bezug auf die Architektur setzte die Künstlerin mit ihrem Zyklus “Flow of Colours” im Flughafen in Hannover 2009 nun die Farbigkeit ihrer Bilder, vor allem durch das große Format (4- 10m), auf Alu-Dibond Platten den Grautönen des Gebäudes entgegen. Die gesamte Installation bestand aus einer abstrakten Malerei, deren Hauptmerkmale auf die Wirkung der Farbe abzielen. In den Jahren 2010-2011 setzte die Künstlerin die Bearbeitung des Themas Farbe in einem weiteren Zyklus fort, hier in kleinerem Format (1,5- 2m) auf runden und rechteckigen -ebenfalls Alu-Dibond- Trägern mit lebendigen Farbmodulationen (Château du Val, S. Germain-en-Laye, 2011). Ihr Leben und Schaffen verlagerte sich 2012 nach Berlin, wo sie u.a. 2015 in Auseinandersetzung mit der Stadt, ihrem Leben und ihren Veränderungen für das Richtfest Berliner Schloss- Humboldtforum eine Kunst-Plakat-Edition gestaltete und im Dialog mit den Farben und Formen der Modesaison 2015/2016 eine Serie in Anlehnung an die Stoffe und Muster aus der Modeproduktion schaffte ("Art Libre”, Galeries Lafayette, Berlin, 2015).

In ihrem aktuellen Zyklus führt sie ihre Auseinandersetzung mit dem Material sowie der eigenen Inspiration und dem künstlerischen Schaffen weiter und überbrückt Musik und Malerei in atmosphärischen Erzähl-Landschaften. Dabei schafft sie, an die orchestralen Passagen der Opern Richard Wagners angelehnte, großformatige Bilder, in denen die pigmentierten Zellstoffmassen in Kombination mit Ölfarbe auf dem Träger nun fließen und die Möglichkeit vieler verschiedenartiger Lasuren offenbaren (“Parsifal”, Wagner Festspiele, Bayreuth, “Lohengrin”, Commerzbank, Berlin-Dahlem, beides 2016). In diesen neuen Werkkomplexen lässt sich nach einer langjährigen Auseinandersetzung mit den nun aktuellen Themen eine wesentliche Veränderung in ihrer Malerei bemerken. Der Umgang mit den für sie typischen Farbmassen, der Ihren Malstil zu großen Teilen prägt, bleibt erhalten und wird unter dem Motto der Bewegung der Farbe neu gedacht. Das Auge wird somit sowohl durch die subtile Figürlichkeit der Massen stimuliert und durch die fließende Abstraktion individuell durch die Bilder geleitet.

Wagner-Zyklus
In einem Austausch zwischen der materiellen Komponente von Kunst und dem dezidiert virtuellen Aspekt der Musik schafft Alina Maria Schütte einen Dialog zwischen ihrer Malerei und der Musik Richard Wagners, der die Gegensätze vereint und die Künste gegenseitig annähert. Die musikalische Verbindung besteht dabei eher zu den orchestralen Passagen der Opern als zu den dramatischen Stoffen. Die Bilder sollen in ihrer Form und Gestalt eine Anmutung dieser monumentalen Motive liefern, als eine adäquate Ausdrucksform für eine mögliche Interpretation der Werke Wagners. Mit dem Fluss der Musik wird der malerische Ausdruck an die Klangfarbe adaptiert und die Wirkung der Musik wird im Bild zum Vehikel eines intermedialen Bewusstseinserlebnisses. Die überwiegend großformatigen Bilder auf Leinwand eröffnen einen Immersionsraum und einen Kosmos, der in Verbindung zur Welt Wagners den Betrachter emotional aktiviert. Die abstrakten Formationen, die diese Bilder ausmachen bieten mit ihrer Anmutung der Figürlichkeit einen Anhaltspunkt für das Auge und einen Ort zum Verweilen oder zum Erkunden. Zudem bewirkt die Subtilität des Bildpersonals eine Möglichkeit zur vielfältigen Identifikation mit dem Stoff der Wagnerischen Oper. Die Gestaltung des Materials lässt mit ihren Formen die Bewegung der Musik vor dem geistigen Auge des Betrachters lebendig werden. Die Bilder entstehen ihrerseits im Geist der Künstlerin durch die Auseinandersetzung mit der Musik als eigene Inszenierung zur Musik Wagners.

Die Farbmassen aus hochwertigen Pigmenten, Acryl und Zellstoff werden in beträchtlichen Mengen ohne Werkzeug auf der liegenden Leinwand verbreitet; das Material wird an der Musik entlang und im Bild dirigiert. Die bestimmte Farbigkeit der Bilder ergibt sich jeweils aus den einzigartigen und von der Künstlerin selber angefertigten Pigmentmischungen, die für jedes Bild neu entstehen und von einander in diversen Graden abweichen. Die Verwendung von pigmentierten Zellstoffmassen charakterisiert das Œuvre der Künstlerin, weist jedoch eine Entwicklung in der Handhabung auf und eine Anpassung an die musikalische Komponente im Schaffen. Der Unterschied besteht im Malakt selber. Die Farbe wird nicht mehr auf den Träger geworfen oder geschleudert sondern wird ihrem eigenen Fluss und der Dichte des Materials überlassen. Fast wie in den Aufzügen der Open Wagners wird die Farbe in verschiedenen Phasen auf der Leinwand konstruiert. Die Intensität und Einzigartigkeit der Farben im Bild selber und im Kontext des gesamten Zyklus führen gemeinsam mit dem Kontrast der Materialien zu einem bildlich und optisch spannenden Ergebnis. Der fesselnde Effekt der Bilder lässt sich hier zwischen den matten pigmentierten Zellstoffpartien und dem akzentuierenden Glanz der Ölfarbe entdecken. Es baut sich eine Spannung in der Wahrnehmung und im Gemüt des Betrachters auf, die im Zwischenspiel ihre Qualität entfalten. Die Sinnlichkeit des Eindruckes, den diese Bilder hinterlassen, ist als Wirkung dieser Spannung zu verstehen, die ebenso aus der Farbigkeit wie aus der Komposition entsteht.

Die absolute Einzigartigkeit der Bilder und Motive entsteht in dieser kaum sichtbaren Restzufälligkeit des Flusses der Ölfarbe, die den Bildern eine magisch-mystische Qualität verleiht und ein Gefühl des rätselhaften im Betrachter hinterlässt. In einer Reihe aus strukturierten Farbfeldern bekommt die dreidimensionale Qualität der Zellstoffmassen eine zentrale Bedeutung in der Erscheinung des Bildes. Diese Mehrdimensionalität des Materials trägt zur strukturellen Opulenz des Eindruckes bei und leitet die Bilder in den Raum hinein. Die Farbmassen legen hier ihren Selbstzweck ab und gliedern sich als Element der Konstruktion eines geschlossenen Ganzen ein. Die Bilder befinden sich somit immer an der Schnittstelle zwischen materiell und virtuell, abstrakt und figürlich sowie musikalisch und dramatisch. Die Mischung der Materialien bietet zusätzlich die Möglichkeit gewisse figürliche Elemente zwischen den medialen Ebenen zu integrieren, z.B. durch die Andeutung oder explizite Bildung graphischer Formen, oft als Vergitterung. Die Bewegung der Ölfarbe bewirkt, dass die angrenzenden Partien umrandet und dadurch betont werden. Die Vergitterung wird so zu einem direkten Verbindungspunkt zum Schaffensakt selber und liefert einen wesentlichen Teil zur Wirkung der Bilder. Nach einer ersten intensiven Auseinandersetzung im Dialog mit der Musik gewinnen die Bilder eine Eigendynamik, die die Werke in den Wagner-Kosmos einverleibt und vielmehr noch: sie zu einer Welt an und in sich wachsen lässt.

Die Bilder wirken sowohl im Prozess der Produktion als auch in der Rezeption berauschend und führen den Betrachter in eine besondere Welt mit einem ganz speziellen Klima und einer zwar starken aber wechselhaften Stimmung. Das Auge wird gefangen genommen und der Betrachter wird zwischen Wahrnehmung und Begehren befreit.

Text: Lee Negris, 2017

 




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